Mass Effect 2: Shooter mit Tiefgang

BioWare hat „Mass Effect“ ordentlich umgekrempelt. Teil 2 spielt sich über weite Strecken wie ein 3rd-Person-Shooter, die Rollenspielelemente wurden dagegen stark reduziert. Als Studio beweist BioWare damit vor allem zwei Dinge: erstens, dass die Kanadier auch andere Genres als das Rollenspiel beherrschen, und zweitens, dass man auch in einem Shooter eine epische, packende Geschichte erzählen kann.

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„Mass Effect 2“ beginnt, wie nur wenig andere Spiele enden: mit dem Tod der Hauptfigur. Commander Shepard stirbt bei einem Einsatz, die Normandy wird zerstört. Zwei Jahre später erwacht er – oder sie – auf einer Krankenstation der Organisation Cerberus. Die kennen Spieler des ersten Teils noch als paramilitärische, faschistoide Gruppe, die sich für die Vorherrschaft der Spezies Mensch einsetzt. Cerberus sieht in Shepard die letzte Hoffnung für die Menschheit, denn der Krieg gegen die Reaper – eine uralte Alienrasse, die alle 50.000 Jahre die Galaxie von allen organischen Lebensformen „säubert“ – ist nicht beendet, auch wenn die galaktische Regierung das offiziell behauptet.  Ganze Populationen verschwinden spurlos von Kolonien der Menschen, und Cerberus vermutet, dass die Reaper dahinterstecken. Shepard soll herausfinden, was es mit den Entführungen auf sich hat.

Zunächst muss Shepard deshalb ein Team zusammenstellen, anschließend gilt es, in den Entführungen zu ermitteln. Dafür schickt „Mass Effect 2“ den Spieler auf relativ kurze, knackige Missionen, die sich wie ein astreiner 3rd-Person-Shooter spielen. Vor allem das gut funktionierende Deckungssystem ist in den Gefechten von zentraler Bedeutung, außerdem die richtige Auswahl der Munition gegen Schilde oder Panzerung. Nur die Soldatenklasse kann alle Waffen und Munitionsarten verwenden, Biotiker und Techniker wurden dagegen etwas beschnitten. Sie verfügen nur noch über drei oder vier Spezialfähigkeiten, die sie je nach Einstellung selbständig einsetzen oder die der Spieler in einem Menü auswählt, während der Kampf pausiert ist. Skills für das Hacken von Computerterminals gibt es gar nicht mehr, das übernimmt Shepard in „Mass Effect 2“ höchstpersönlich. Auch schwere Waffen kann nur der Spielercharakter verwenden, und zwar unabhängig von der gewählten Klasse. Außerdem ist Shepard der Medic der Gruppe.

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Wie im ersten Teil ist man mit zwei KI-gesteuerten Kollegen unterwegs, die zwar rudimentäre Befehele wie „Ziel angreifen“, „Position halten“ oder „Rückzug“ entgegen nehmen, ansonsten aber weitgehend selbständig agieren. Die KI funktioniert dabei absolut zufriedenstellend. Vor jeder Mission kann man seine beiden Begleiter auswählen und sie ausrüsten. Dabei kommen nicht mehr Waffen und Gegenstände zum Einsatz, die man besiegten Gegnern abnimmt oder in Kisten findet, sondern man erweitert das verfügbare Arsenal durch Forschung. Dafür wiederum benötigt man Rohstoffe, die man durch das Scannen von Planeten findet und mittels Sonden abbaut.

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Der ständige wechsel zwischen der Action während einer Mission und der Planung zwischen den Missionen funktioniert bestens. „Mass Effect 2“ ist ein taktischer Shooter, bei dem man seine Taktik durch die Zusammenstellung des Teams, die Ausrüstung und nicht zuletzt die steigerbaren Fähigkeiten optimal anpassen kann. Auch wenn sich der Schwerpunkt verlagert hat, weist „Mass Effect 2“ noch Rollenspielelemente auf. Die Entschlackungskur hat dem Spiel tatsächlich gut getan.

Zumal ein wesentliches Element in Rollenspielen nach wie vor vorhanden ist: die Dialoge. Schon im „Mass Effect“ gehörten die zum Besten, was das Genre zu bieten hatte, und daran hat sich nichts geändert. Die Dialogführung ist absolut intuitiv, man wählt nicht nicht ganze Sätze aus, die der Charakter sagen soll, sondern nur griffige Schlagwörter, die das Gespräch in die gewünschte Richtung lenken. Sogar die Dynamik der Dialoge kann man in „Mass Effect 2“ beinflussen, auf Tastendruck ist es manchmal möglich, sein Gegenüber mitten im Satz zu unterbrechen.

Neben den filmreifen Cut-Scenes und Massen von Hintergrundinfos, die man im Laufe des Spiels im „Kodex“ ansammelt, sind es vor allem die Dialoge, über die BioWare die Geschichte  erzählt. Das kanadische Studio wird in „Mass Effect 2“ wieder einmal seinem Ruf als Meister des interaktiven Storytelling gerecht. Leider kann die deutsche Synchronisation nicht annähernd mit dem Original mithalten. Sie ist nicht schlecht, aber kein Vergleich zum englischen Voiceacting. BioWare hat eine Reihe namhafter Sprecher für „Mass Effect 2“ verpflichten können, darunter Martin Sheen, Seth Green, Yvonne Strahovski, Adam Baldwin, Keith David, Michael Dorn, Tricia Helfer, Michael Hogan und Carrie-Anne Moss. Ihre Auftritte sind es, die „Mass Effect 2“ zu einem außergewöhnlichen Spiel machen. Das weiß auch BioWare-Boss Ray Muzyka, der bei der Ankündigung der prominenten Besetzung die Bedeutung von glaubwürdigen, starken Charakteren für eine emotional packende Story betont hat.

Leider kommen Xbox-Spieler in Deutschland nicht in diesen Genuss. „Mass Effect 2“ ist ein großes Spiel, und im Gegensatz zur PC-Version hat die englische Tonspur nicht mehr auf die beiden DVDs gepasst, auf denen das Spiel ausgeliefert wird. Im offiziellen BioWare-Forum wurde zwar vor circa einem Monat angekündigt, dass es die englischen Sprachfiles nach dem Release via Xbox LIVE zum Download geben würde, aber bisher warten die Spieler vergebens. Trotz zahlreicher Anfragen in Forum hüllt BioWare sich in Schweigen, ob es sich bei der Ankündigung, die nie dementiert, aber auch nicht nochmal bestätigt wurde, um eine Falschmeldung handelt. Das ist sehr schade, denn viele Fans hatten sich die deutsche Version im Glauben gekauft, dank des versprochenen DLCs trotzdem in den Genuss der englischen Sprachfassung zu kommen. Jetzt warten sie nicht nur auf die Files, sondern vor allem auf ein Statement von BioWare, ob und wann damit zu rechnen ist.

Fazit:

„Mass Effect“ war ein actionlastiges Rollenspiel, „Mass Effect 2“ ist ein Shooter mit Rollenspielelementen. Wer damit leben kann, wird vom zweiten Teil der Trilogie nicht enttäuscht werden, zumal die Shooterelemente wesentlich besser als im Vorgänger umgesetzt wurden, die Story mitreißend und episch ist und die Dialoge einfach umwerfend sind.  Vorausgesetzt, man spielt „Mass Effect 2“ im englischen Original, denn die deutsche Synchro ist nicht schlecht, aber trotzdem viel schlechter. Darunter leidet die Atmosphäre.

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